AIESEC Karlsruhe

Vorwort

von Heidemarie Wieczorek-Zeul
Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung


"Unsere Entwicklungspolitik beruht auf drei großen Zielen: Armut bekämpfen, Frieden sichern und die Globalisierung gestalten."

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir leben heute in einer Welt, die immer schneller zusammenwächst und gleichzeitig immer weiter zerfällt. Regierungen und Parlamente haben auf lokaler und nationaler Ebene Gestaltungsfreiheiten verloren, international tätige Wirtschaftsunternehmen aber auch Organisationen der Zivilgesellschaft solche gewonnen. Neue „check and balance“ – Systeme zur Stärkung der demokratischen Souveränität unter Einbeziehung neuer Akteure - sind auf allen Ebenen erforderlich. Daher brauchen wir mehr denn je politische Gestaltung auf allen Ebenen: lokal, regional, national, suprastaatlich (z.B. EU) und weltweit.

Während es Industrie- und Schwellenländer in den vergangenen 20 Jahren zumindest teilweise geschafft haben, grenzüberschreitende Handels- und Finanzströme, ausländische Direktinvestitionen und das Internet zu nutzen, sind weite Teile der Welt weiterhin davon abgekoppelt. Über achtzig Prozent der ausländischen Direktinvestitionen konzentrieren sich auf nur zehn Länder. Der Anteil der ärmsten Länder am Welthandel ist marginal. Für mich ist es ein Symptom für altes Denken, wenn weltweit für Krieg und Subventionen mehr Geld ausgegeben wird, als für eine Entwicklung, die armen Menschen Lebenschancen eröffnet. Weltweit werden 1 Bio. US$ für Rüstung, über 300 Mrd. US$ für landwirtschaftliche Subventionen aber nur 78 Mrd. US$ für die Entwicklung ausgegeben. Das sind Kennziffern für eine ungerechte Globalisierung! Solange täglich 850 Millionen Menschen nicht genug zu Essen haben und 30.00 Kinder –Tag für Tag- an Krankheiten sterben, die wir verhindern könnten, solange sind wir von einer weltweiten Partnerschaft weit entfernt.

Dies zeigt: Es ist eine globale Strukturpolitik erforderlich, die Leben und Chancen gibt, Armut abschafft und weltweite Partnerschaft fördert. Es geht darum, die Globalisierung nicht nur nach wirtschaftlichen sondern auch sozialen und ökologischen Kriterien zu gestalten. Die sozial, ökologisch und ökonomisch nachhaltige Entwicklung unseres Planeten – darauf verweist der Global Marshall Plan zu Recht – muss im Mittelpunkt unseres Handels stehen. Mit der Millenniums-Erklärung und den Millenniums-Entwicklungszielen (MDGs), die bis 2015 erreicht werden sollen, hat sich die Weltgemeinschaft im Jahr 2000 anspruchsvolle Ziele gesetzt, diese Vision in die Praxis umzusetzen. Das Jahr 2005 ist ein Schlüsseljahr für eine zukunftsfähige Entwicklung: Im September sind wir gefordert, auf dem „major event“ der Vereinten Nationen Zwischenbilanz ziehen. Die bisherigen Fortschritte stimmen mich hoffnungsfroh, dass wir die MDGs im Jahr 2015 erreichen können.

Entwicklungspolitik kann hierzu vieles beitragen. Entwicklungspolitik muss uns – und auch darauf verweist der Global Marshall Plan zu Recht – einen höheren Preis wert sein und dies bedeutet auch höhere Mittel für öffentliche Entwicklungszusammenarbeit (ODA - Official Development Assistance) bereitzustellen. Daher freue ich mich, dass die EU wieder eine Vorreiterrolle in der Erhöhung der ODA übernommen hat. Nach der Verpflichtung von Monterrey in 2002, die ODA bis 2006 auf durchschnittlich 0,39% des Bruttonationaleinkommens zu steigern, hat die EU kürzlich beschlossen, den Anteil für öffentliche Entwicklungszusammenarbeit der EU in zwei weiteren Schritten zu steigern: mind. 0,51 % bis 2010 und 0,7 % bis 2015. Damit erfolgt zum ersten Mal eine zeitliche Festlegung für das 0,7 %-Ziel!

Neben der Bereitstellung von finanziellen Mitteln geht es auch um eine stärkere Berücksichtigung der Interessen von Entwicklungsländern bei internationalen Entscheidungen und Regelwerken, um die Schaffung von Spielräumen für ihre besondere Situation. Es geht um die Stärkung und stringente Ausrichtung globaler Institutionen auf Armutsbekämpfung und Entwicklung wie auch um eine bessere Verzahnung der Institutionen und Regelwerke untereinander. Es geht um eine weltweite Akzeptanz von verantwortlicher Regierungsführung („good governance“) und eine wirkungsvolle Bekämpfung der Korruption. Hier sind nicht nur die Regierungen und staatlichen Einrichtungen sondern auch die Unternehmen gefordert- bei uns in den Industrieländern und in den Schwellen- und Entwicklungsländern.

Unternehmen und Verbraucherinnen und Verbraucher sollen und müssen ihren Beitrag dazu leisten, unsere Produktions- und Konsummuster nachhaltiger zu gestalten. Der faire Handel zeigt, wie sich soziale, ökologische und ökonomische Aspekte einer nachhaltigen Entwicklung miteinander verknüpfen lassen. Hiervon kann auch in anderen Bereichen gelernt werden. „Corporate Governance“ – Initiativen, wie der „Global Compact“ von Kofi Annan, sowie die ILO-Kernarbeitsnormen zeigen den Rahmen für verantwortliches Wirtschaften auf. Gerade im VN-Jahr der Mikrofinanzen wird deutlich, welchen Beitrag verantwortliches, ethisches Investment zur Erreichung der MDGs leisten kann. Daher unterstütze ich es nachdrücklich, dass Sie sich in der Veranstaltungsreihe mit Fragestellungen von „governance“ intensiv auseinandersetzen.

Sie können und sollten an dieser vielleicht wichtigsten Zukunftsaufgabe unserer Zeit durch Ihr persönliches Engagement aktiv mitwirken. AIESEC und dem Global Marshall Plan gilt daher mein Dank, Sie hierzu durch diese Vortragsreihe, zu der ich Ihnen viel Erfolg wünsche, zu ermutigen. Mischen Sie sich ein, egal ob in Basisgruppe, Vereinen, Verbänden, Parteien oder Kirchen. Jede und jede von Ihnen wird dringend gebraucht!

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