Mein Praktikum in Finnland

Meine ersten Eindrücke:

Landeanflug auf Tampere. Boeing 737 der Ryanair befindet sich nur noch wenige hundert Meter über dem Boden. Nur wo bitte befindet sich hier die Stadt, die doch laut Reiseführer die drittgrößte Finnlands ist? Beim Blick aus dem Fenster sehe seit einer halben Stunde immer dasselbe: Wald, Wasser und wieder Wald – hin und wieder durchschnitten von einer schmalen Straße. Und ab und zu lugt ein Haus zwischen den Baumwipfeln hervor. Aber von einer größeren Siedlung oder gar Stadt ist weit und breit nichts zu sehen. Hier wird mir zum ersten Mal so richtig klar, wie dünn besiedelt das Land ist.

Finnland hat fast dieselbe Grundfläche wie Deutschland. Trotzdem leben dort nur rund fünf Millionen Menschen – davon fast die Hälfte im Großraum Helsinki, so dass die übrigen 337.000 km² auf nur 3 Millionen Einwohner verteilt werden.

Bis zum Aufsetzen der Maschine gelang es mir nicht, aus dem Fenster die Großstadt zu erspähen. So wunderte es mich auch nicht, wie beschaulich es auf dem Flughafen zuging. Obwohl er zu den drei wichtigsten Flughäfen des Landes zählt, wirkt im Vergleich dazu selbst Frankfurt-Hahn richtig groß. Es gibt eine Landebahn und eine winzige Abfertigungshalle. Außer meiner Maschine befanden sich keine Verkehrsflugzeuge mehr am Boden.

Tampere – die Stadt existiert doch – liegt 20 Busminuten vom Flughafen entfernt. Sie ist mit rund 200000 Einwohnern für finnische Verhältnisse sehr groß und bietet viele Sehenswürdigkeiten und Museen. Von dort aus gibt es direkte Bahn– und Busverbindungen nach Jyväskylä (ca. 1,5h mit der Bahn) sowie zu fast allen größeren Städten Finnlands.


finnland_stadtklein Die Ankunft in Jyväskylä
Nun ist es soweit. Eben ertönte aus dem Lautsprecher des InterCity „Next stop: Jyväskylä“ (tatsächlich auf Englisch!) und es beim Blick aus dem Fenster mischen sich die ersten Lichter in die Dunkelheit. Ich bin da!
Nachdem ich den Zug verlassen habe, fällt mir die Gruppe von 10-15 Leuten auf, die unter dem Eingang des futuristischen Bahnhofgebäudes ein AIESEC-Banner aufgespannt hat. Mein Empfangskomitee! Als ich näher komme, stürmt plötzlich ein Mädchen aus der Gruppe mit einer Kamera auf mich zu und knipst wild in meine Richtung. Noch völlig überrumpelt von dem Blitzlichtgewitter nimmt mir jemand anderes meinen Koffer aus der Hand und drückt stattdessen etwas hinein, das sich später als eine Willkommensmappe herausstellen sollte, mit allen wichtigen Informationen über die Stadt, über AIESEC, über mein Wohnheim, das Praktikum usw.

Wow, was für ein Empfang!

 

Mein neues Zuhause
Nach einer ausgiebigen Kennenlernrunde am Bahnsteig fuhren mich die AIESECer  in das Studentenwohnheim, in dem sie – trotz einer Vorlaufzeit von nur zwei Wochen zwischen der Praktikumszusage und meiner Ankunft – ein Zimmer in einem Zweierapartment für mich organisiert hatten. Das Apartment war einfach aber zweckmäßig ausgestattet und hatte einen extrem schnellen Internetanschluss. Von AIESEC wurde die Bettwäsche und eigenes Geschirr gestellt. Zudem hatten die AIESECer für mich schon eingekauft und den Kühlschrank gefüllt.

Erwähnenswert ist auch, dass es auf jedem Stockwerk eine Sauna gab. Schließlich befand ich mich in Finnland. In neueren Wohnheimen ist es sogar Standard, dass jedes Apartment mit einer eigenen kleinen Sauna ausgestattet ist.

 

finnland_strasse Mein Praktikum
Ich nahm als Praktikant eines Management Traineeships (MT) an einem Projekt teil, das von der Fachhochschule von Jyväskylä betreut wurde. Ziel des Projektes war es, die kreativen Betriebe der Region zu fördern. Ich arbeitete dabei bei einem kleinen Bekleidungshersteller namens Papiina Oy,  der sein Händlernetz in Deutschland ausbauen wollte. Meine Aufgabe bestand darin, eine Marktstudie für Deutschland zu erstellen, neue Händler und Zulieferer zu finden und einen Marketingplan zu entwickeln.

Am ersten Arbeitstag wurde ich von meiner Betreuerin von AIESEC zur Fachhochschule begleitet. Dort wurde ich von meiner Projektleiterin sofort auf Deutsch begrüßt und als erstes bat sie mir das das Du an.

Obwohl auch im Finnischen eine Höflichkeitsform wie im Deutschen existiert, wird diese im Alltag so gut wie nie verwendet. Kollegen inklusive Chef werden ganz selbstverständlich geduzt und per Vornamen angeredet.

Nachdem die ersten Formalitäten erledigt waren, wurde ich zuerst auf eine ausgedehnte Kaffeepause mit den Kollegen eingeladen. So locker hatte ich das nicht erwartet! Danach fuhren wir endlich zu meiner Firma. Der Betrieb war tatsächlich sehr klein. Er bestand nur aus drei Mitarbeitern und für die kommenden zwei Monate mir. So halb zumindest – denn mein Arbeitgeber war ja eigentlich die Fachhochschule. Ganz so hatte ich mir das nicht vorgestellt! Und das nachdem ich mich doch im Vorfeld im Internet so gut über die Firma informiert hatte!

Allerdings bemerkte ich sehr schnell, dass es durchaus auch Vorteile hat, in einer so kleinen Firma zu arbeiten. So war ich sehr unabhängig und konnte in den unterschiedlichsten Bereichen im Marketing Praxiserfahrungen sammeln. Neben der Marktstudie kümmerte ich mich um den Internetauftritt, recherchierte nach potentiellen Händlern, überarbeitete die Werbematerialien, entwarf zusammen mit der Chefin neue Absatzstrategien und beteiligte mich an der Produktprogrammplanung, wobei meine Vorschläge immer auf offene Ohren stießen und oft auch direkt umgesetzt wurden. So eine verantwortungsvolle Rolle wird einem Praktikanten in einer größeren Firma in aller Regel nicht zuteil!

Das alles lief in einer sehr ungezwungenen Arbeitsatmosphäre ab. Ich konnte meine Arbeitszeiten flexibel gestalten, was vor allem dann sehr praktisch war, wenn ich für ein Wochenende herumreisen und mir dafür den Freitag freinehmen wollte.

 

AIESEC
finnland_gruppeIn Jyväskylä halten sich normalerweise nicht viele AIESEC-Praktikanten gleichzeitig auf. Während meines Prakikums gab es nur noch einen weiteren Praktikanten aus Kolumbien, mit dem ich viel unternahm. Eine große Trainee-Community wie in anderen Lokalkomitees kann man aber dort nicht erwarten.Stattdessen war der Kontakt zu den lokalen AIESECern sehr gut. Neben der Hilfe bei allen Formalitäten, war es für die AIESECer auch selbstverständlich, uns Praktis zu ihren privaten Feiern einzuladen und auch mitzunehmen, wenn sie am Wochenende mit ihren Freunden unterwegs waren. Wer wollte, konnte  man auch bei AIESEC vor Ort mitarbeiten, was ich auch getan habe.Dadurch fiel es mir sehr leicht, mich zu integrieren und einen Freundeskreis aufzubauen, der sicherlich lange über meinen Finnlandaufenthalt andauern wird.Zudem gab es während meines Aufenhaltes mehrere AIESEC-Events und Konferenzen, zu denen wir Praktikanten natürlich auch immer eingeladen waren. Und natürlich nahmen wir diese Einladungen auch gerne an. Einmal verbrachten wir mit dem Lokalkomitee ein Wochenende in einer Hütte im verschneiten Hinterland von Jyväskylä. Kurz darauf fand in Helsinki die nationale Konferenz ACCESS statt, was für uns Praktikanten eine gute Gelegenheit war, uns die Stadt anzuschauen. Und natürlich – wie auf AIESEC-Konferenzen üblich – an den Abenden zwei richtig gute Partys zu erleben.Was das feiern angeht, war es überhaupt so, dass bei AIESEC (aber nicht nur dort, sondern generell überall und von jedermann/-frau) kaum eine Gelegenheit ausgelassen wurde, das – übrigens durchaus genießbare – einheimische Bier und Koskenkorva (finnischer Wodka) in feucht-fröhlicher Runde mit anschließendem Saunagang zu konsumieren. Vor allem in der Vorweihnachtszeit boten sich mit unzähligen Pre- und Pre-pre- Christmas- Parties etliche solcher Gelgenheiten.


Jyväskylä
Jyväskylä befindet sich ca. 300km nördlich von Helsinki. Sie ist mit 80.000 Einwohnern die neuntgrößte Stadt Finnlands. Ungefähr ein Drittel der Einwohner sind Studenten der Uni oder der Fachhochschule. Es leben dort auch sehr viele Austauschstudenten – ein großer Anteil davon kommt aus Deutschland. Bekannt ist Jyväskylä vor allem für die unzähligen Gebäude des Stararchitekten und Designers Alvar Aalto und als jährlicher Austragungsort der Rallye-Weltmeisterschaft. Sie liegt landschaftlich reizvoll inmitten der finnischen Seenlandschaft und  ist rundherum von Wasser praktisch eingeschlossen. Die Landzungen dazwischen, auf denen die Zufahrtsstraßen verlaufen, sind oft nur wenige Meter breit. In der Innenstadt gibt es gute Einkaufsmöglichkeiten und viele Bars und Discos (allerdings mit für deutsche Verhältnisse exorbitanten Getränkepreisen, was die Einheimischen aber nicht davon abhält, regelmäßig auch mal einen über den Durst zu trinken).
Die 78 (!) Studentenwohnheime befinden sich alle außerhalb des Zentrums und liegen weit verstreut. Allerdings ist das Busnetz tagsüber mit über 40 Linien, die alle im viertel- oder halbestunden –Takt fast jeden Ort auf dem Stadtplan anfahren, ausgezeichnet. Ab Mitternacht fährt allerdings – leider auch am Wochenende  – fast kein Bus mehr. Wer kein Fahrrad besitzt, muss sich dann darauf einstellen, bei teilweise recht ungemütlichem Wetter nach der Disco noch eine Stunde nach Hause zu marschieren – oder genauso lange am Taxistand anzustehen, was bei -25° C und Schneesturm noch wesentlich unangenehmer sein kann. Dies ist allerdings für kaum jemanden ein Hinderungsgrund, am Wochenende auszugehen. Die stundenlangen Fußmärsche nimmt man dafür gerne in Kauf.

Was die Sicherheit angeht: ich hatte nie auch nur im Entferntesten das Gefühl, bei meinen nächtlichen Wanderungen irgendwann einmal in Gefahr zu sein, überfallen und ausgeraubt zu werden. Die Kriminalitätsrate ist in Finnland extrem niedrig. Zudem sind alle Straßen und Fußwege (sogar teilweise unbefestigte Waldwege) die ganze Nacht hindurch hell erleuchtet. Selbst um drei Uhr morgens begegnen einem regelmäßig Jogger oder ältere Damen mit Hund auf den abgelegensten Pfaden. Oder eben all die andere Studenten, die gerade auf dem Nachhauseweg sind.


Fazit:
Mein Finnlandaufenthalt war eine sehr schöne Zeit, die mich – obwohl er nur zwei Monate dauerte, noch lange prägen wird. Ich hatte die Möglichkeit, wertvolle Praxiserfahrungen zu sammeln und vor allem durfte ich viele nette Menschen kennenlernen. Ich konnte Freundschaften über Ländergrenzen hinweg schließen und war von der ersten Minute an komplett in die Gesellschaft integriert. Ohne AIESEC wäre das in dieser kurzen Zeit nicht möglich gewesen.

 

Jochen Stöttner

AIESEC-Praktikant 2006