Mein Praktikum in Jaipur, Indien
Ausgangspunkt

Es gibt sicher viele Wege, die zu einem Praktikum im Ausland führen und die meisten haben das auch im Laufe Ihres Studiums vor, doch für mich kam diese Entscheidung recht zufällig und spontan. Rückblickend war es eine einmalige und wundervolle Erfahrung die ich durch AIESEC bekam.

Auf der internationalen AIESEC-Konferenz „realising global ethic“, die in Tübingen, im Frühjahr des vergangenen Jahres stattfand, lernte ich AIESEC näher kennen und auch schätzen. Anschließend ergriff ich die Möglichkeit, mich für ein DT (Development Traineeship) in Indien zu bewerben.

Ich wollte einerseits Indien und seine Kultur erkunden und anderseits von der Perspektive eines Entwicklungslandes Globalisierung erfahren.
Mein Praktikum sollte für drei Monate in Jaipur, der Hauptstadt Rajasthans im Nordwesten Indiens stattfinden, bei einer der größten nichtstaatlichen Organisationen der Region: Cecoedecon. Einen weiteren Monat plante ich zu reisen.

Praktikum

Cecodecon (Center for Community Economics and Development Consultants Society) wurde 1982 gegründet und arbeitet seitdem in der ländlichen Umgebung Jaipurs, die bestimmt ist durch ein trockenes Steppenklima. Das Ziel der Entwicklungsarbeit ist die dort herrschenden sozialen Strukturen und den Lebensstandard langfristig zu verbessern, indem man Hilfe zur Selbsthilfe anbietet, somit ist Cecoedecon als eine Art Berater tätig. Die Organisation bündelt ihre Aktionen unter vier Tätigkeitsfelder: „Institutional Development Program“, „Natural Ressource Management Program“, „Health & Child Development Program“ und „Gender and Human Rights Program„ Diese Programme sind eigenständig strukturiert und agieren sowohl alleine als auch kooperativ.

Cecoedecon engagiert sich aber auch auf nationaler und seit einiger Zeit auch auf internationaler Ebene um sich für eine nachhaltige Entwicklungspolitik einzusetzen.

Auf nationaler Ebene wurden einige wichtige Dachverbände und Kompetenzzentren gegründet wie PAIRVI (Public Advocacy Initiatives for Rights and Values in India) oder CDHR (Center for Dalit Human Rights)
International engagiert sich Cecoedecon mit seinen multinationalen Partnern unter den Kampagnen „Food and Nurtrition Security“ und „Human Rights“.

Meine Zeit bei Cecoedecon verbrachte ich in der ersten Hälfte damit, zuerst die aktuellen Projekte auf den Feldern und in den Dörfern kennen zu lernen um mich mit den Programmen vertraut zu machen. Während dieser Zeit nahm ich an einem, in den Räumen der Organisation stattfindenden einwöchigen internationalen Workshop über „Friedensstiftende Maßnahmen durch Entwicklungshilfearbeit“ teil. Hierbei kam ich mit unterschiedlichen Sozialarbeitern und deren Arbeit aus dem asiatisch pazifischen Raum in Kontakt.

Nach dem Workshop stand für mich vordergründig die Zusammenarbeit mit der Abteilung für „Institutional Development“ (Ein Programm zur Entwicklung politischer Strukturen in Form von Interessenverbände und Selbsthilfegruppen und deren Unterstützung), die sich langfristig für den Aufbau eines gleichberechtigten und kastenunabhängigen Zusammenlebens in den Dörfern einsetzte. So wurden zahlreiche Selbsthilfegruppen organisiert und Verbände gegründet deren Frauen und Männer aber auch Unantastbare (Dalit) angehörten. Parallel wurden die Mitglieder unterstützt und ausgebildet. Ein populäres Beispiel sind die Frauenselbsthilfegruppen (Mahila Mandal), ein landesweit verbreitetes Konzept, welches auch von Cecoedecon mehrmals erfolgreich angewandt wurde.
Im Rahmen meiner noch beginnenden Analysen durfte ich an einigen Sitzungen dieser Organisationen und Gruppierungen teilnehmen.

Leider wechselte ich zu früh, um mich in die Untersuchungen zu vertiefen, in das Vorbereitungsteam für das Weltsozialforum 2004 und hatte von da ab hauptsächlich mit der Organisationsleitung zu tun, welches den zweiten und längeren Teil meines Praktikums ausmachte.

Im besonderen bekam ich die Verantwortung für die Gestaltung und Erstellung aller Druckmaterialien wie Berichte, Broschüren, Banner, Sticker und Poster, für die von uns geführten Kampagnen.
So konnte ich mit Cecoedecon am WSF in Bombay teilnehmen und wurde mit den anderen Praktikanten für die Berichterstattung beauftragt.
Das WSF war das Highlight meines Praktikums. Eine solche Flut von politischen wirtschaftlichen und sozialen Themen über eine mögliche gerechte Zukunftsentwicklung hatte ich anfangs nicht erwartet und rückte meine Betrachtungsweise über Entwicklungshilfearbeit nun vollends in die globale Dimension. In Gesprächen mit anderen Aktivisten und Teilnehmer des Forums knüpfte ich aber auch wieder zu den Erfahrungen in den Dörfern, die ich zu Beginn meines Praktikums machte.

Abschließend durfte ich den Jahresbericht layouten und versuchte, die Organisation von der Bedeutung einer konsequenten Coorperate Identity zu überzeugen.

Meine Erfahrungen mit Cecoedecon bezogen sich einerseits auf die Arbeitsweise der Inder und indischen Organisationen, mit denen ich zu tun hatte. Es war nicht immer leicht die Barrieren zu überwinden. Starre hierarchische Prozesse innerhalb der Arbeitsorganisation und das relativ moderate Arbeitstempo der Mitarbeiter verschlangen oft eine Unmenge an Effizienz, ließen aber trotzdem kaum eine gespannte Arbeitsatmosphäre aufkommen, solange und soweit man sich daran gewöhnen konnte. Anderseits lernte ich das Leben auf dem Land kennen und mit welchen Konzepten man darin verbessernd eingreifen kann. Insgesamt konnte ich dadurch viele Lebensaspekte der Indischen Kultur erfahren.

AIESEC

Das Leben in Jaipur ist ziemlich bunt. Es ist nicht übertrieben wenn man als Westeuropäer den ersten Eindruck bekommt in einem Zoo zu leben. Die vielen freilaufenden Nutz- und Arbeitstiere oder andere herumtreibende Lebewesen sind ein wichtiger Teil des Stadtbildes. Die Straßen werden aber auch von armen Familien bewohnt, mehr als 20% der Bevölkerung schlafen unterm Sternenhimmel. Ich teilte die Wohnung, die von AIESEC gestellt wurde, mit ca. 10 anderen internationalen Praktikanten in einem Haus im relativ wohlhabenden Viertel Tilak Nagar nahe dem LC-Büro und der Universität.

Das AIESECer viel Freude am Feiern hatten war mir bekannt, dass war dann auch in Indien glücklicherweise keine Spur anders. So war mein 4 monatiger Indienaufenthalt auch stark von dieser Kultur bestimmt mit zahlreichen heiteren und feuchtfröhlichen Zwischenstationen in den Clubs und Bars von Jaipur, Kalkutta Bombay und Bangalor, am Strand in Goa, auf Aiesec Konferenzen (IDC, Natcon) oder mal wieder bei uns im Wohnzimmer.

Eine Besonderheit war mit Sicherheit das IDC 2003 (International Development Conference) in Jamshedpur, welches thematisch an der Tübinger Konferenz anknüpfte und organisatorisch ziemlich perfekt war. Das für mich interessante Thema über CSR (Corporate Social Responsibility), welches in Tübingen den Anfang machte, konnte ich während des IDC noch vertiefen. Mit den Besichtigungen der Unternehmensprojekte konnte man sich zusätzlich ein praktisches Bild „vor Ort“ machen.

Auch die Kontakte zu den anderen AIESECern, den extra angereisten Teilnehmern und zu den Praktikanten aus allen anderen Teilen Indiens waren für mich sehr wertvoll und machten die Konferenz noch interessanter und vielseitig.
Natürlich war das IDC abends spätestens ab 22:00 dem Feiern verpflichtet, ein Schlafdefizit, das man erfreulicherweise in den tagelangen Zugfahrten wieder decken konnte.
Unterwegs

Obwohl der Aufenthalt und das Leben in Jaipur selbst spannend und ereignisreich waren, versuchte ich so oft es ging, und meistens ergaben sich auch die Möglichkeiten, zu reisen.

Ob von meiner Organisation aus, mit AIESEC oder mit ein paar Freunden, das Reisen kam nicht zu kurz. So konnte ich durch viele Staaten und Regionen Indiens und ihre unterschiedlichen Landschaften unterwegs sein.

Von der Wüste Rajasthans ins saftige Gangestal, Von der Westküste zur Ostküste, von der Hektik der Millionenstädte zu den spirituellen Dörfern im Himalaya. All diese weiten Unternehmungen waren ein sehr wichtiger Teil meiner Erfahrung mit dem Land und seinen Leuten, - in Indien kann man sich kaum den Reiseattraktionen entziehen.

Viktor P.S.
AIESEC Praktikant 2004

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